Eigenschaften

Atomradius und periodische Trends: Wie Atome größer und kleiner werden

Der Atomradius folgt klaren Mustern im Periodensystem. Dieser Ratgeber erklärt, warum Atome in einer Periode kleiner werden und in einer Gruppe größer, und was das für die Chemie bedeutet.

Lesezeit 7 Min. Aktualisiert 28.05.2026 2 Quellen Jan-Tristan Rudat Jan-Tristan Rudat
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Atomradius: Größe als periodische Eigenschaft

Das Periodensystem ist mehr als eine Liste von Elementen. Es ist eine Landkarte periodischer Trends. Einer der fundamentalsten Trends ist die Veränderung des Atomradius: Atome werden innerhalb einer Periode kleiner und innerhalb einer Gruppe größer. Diese Regelmäßigkeit, erkannt von Lothar Meyer und Dmitri Mendelejew im 19. Jahrhundert, ist bis heute eine der wichtigsten Strukturierungsprinzipien der Chemie.

Wie wird der Atomradius definiert?

Ein Atom hat keine scharf definierte Grenze. Elektronen bewegen sich in Orbitalen, die theoretisch bis ins Unendliche reichen, wenn auch mit extrem kleiner Wahrscheinlichkeitsdichte. Daher sind alle Angaben zum Atomradius Konventionen, die auf bestimmten Messmethoden und Definitionen beruhen.

Kovalenter Radius: Für Elemente, die kovalente Bindungen eingehen, ist der kovalente Radius die Hälfte des Abstands zwischen zwei identischen Atomen in einer Einfachbindung. Für Chlor ergibt sich aus dem Cl-Cl-Abstand im Cl2-Molekül von 198 pm ein kovalenter Radius von 99 pm.

Van-der-Waals-Radius: Für Edelgase und für nicht-gebundene Atome wird der Van-der-Waals-Radius verwendet. Er entspricht dem effektiven Radius, den ein Atom einnimmt, wenn es nicht in einer kovalenten Bindung gebunden ist. Er ist immer größer als der kovalente Radius.

Metallischer Radius: Für Metalle wird der halbe Abstand zwischen Metallatomen im Gitter verwendet.

Ionenradius: Für Ionen gelten separate Werte, die aus Kristallstrukturen abgeleitet werden. Kationen sind kleiner als ihre neutralen Atome, Anionen größer.

Trend innerhalb einer Periode: abnehmender Radius

Betrachtet man die zweite Periode von Lithium (Li) bis Neon (Ne), so nimmt der kovalente Radius systematisch ab:

Li: 128 pm, Be: 96 pm, B: 84 pm, C: 76 pm, N: 71 pm, O: 66 pm, F: 57 pm

Dieser Trend folgt aus der effektiven Kernladungszahl (Zeff). In einer Periode steigt die Ordnungszahl von Element zu Element um eins. Jedes neue Proton erhöht die Kernladung. Die zusätzlichen Elektronen werden in dieselbe Elektronenschale eingefügt, weshalb ihre Abschirmwirkung untereinander gering ist. Mit steigendem Zeff werden alle Elektronen stärker zum Kern gezogen, und der Atomradius schrumpft.

Trend innerhalb einer Gruppe: wachsender Radius

In einer Hauptgruppe nimmt der Atomradius von oben nach unten zu. Lithium (128 pm) ist kleiner als Natrium (166 pm), das kleiner ist als Kalium (203 pm). In jeder neuen Periode kommt eine zusätzliche Elektronenschale hinzu. Diese äußere Schale liegt weiter vom Kern entfernt und wird durch alle inneren Schalen abgeschirmt. Obwohl die Kernladungszahl steigt, dominiert der Effekt der zusätzlichen Schale, und der Radius wächst.

Abschirmung und effektive Kernladung

Das Konzept der Abschirmung ist zentral zum Verständnis der Atomgröße. Elektronen in inneren Schalen schirmen die äußeren Elektronen vom positiven Kernpotenzial ab. Die effektive Kernladungszahl ist definiert als:

Zeff = Z - S

wobei Z die tatsächliche Kernladungszahl und S die Abschirmkonstante ist. Die Slater-Regeln erlauben eine quantitative Abschätzung von S.

Elektronen in derselben Schale schirmen einander nur wenig ab (Abschirmkonstante nahe 0,35 pro Elektronen in der gleichen Schale). Elektronen in inneren Schalen schirmen dagegen fast vollständig ab (Abschirmkonstante nahe 1,00 pro innerem Elektron). Das erklärt, warum die Zunahme der Kernladungszahl innerhalb einer Periode zu einer steigenden effektiven Kernladung und damit zu einem sinkenden Radius führt.

Beim Übergang vom Atom zum Ion ändert sich der Radius erheblich:

Kationenbildung: Ein Alkalimetall gibt ein Elektron ab. Es verliert dabei oft seine gesamte äußerste Schale. Na+ (102 pm) ist deutlich kleiner als Na (166 pm). Mit steigender Kationenladung nimmt der Radius weiter ab: Fe2+ (74 pm) ist größer als Fe3+ (64 pm).

Anionenbildung: Nichtmetalle nehmen Elektronen auf. Die Elektronenabstoßung steigt, und der Radius wächst. Cl- (181 pm) ist größer als Cl (99 pm).

Isoelektronische Ionen, also Ionen mit gleicher Elektronenanzahl, werden mit steigender Kernladungszahl kleiner. N3- (146 pm), O2- (140 pm), F- (133 pm), Na+ (102 pm), Mg2+ (72 pm), Al3+ (53 pm) haben alle 10 Elektronen, aber unterschiedliche Kernladungen. Je größer die Kernladung, desto stärker der Zug, desto kleiner der Radius.

Lanthanoidenkontraktion

Ein interessanter Sonderfall tritt bei den Lanthanoiden auf. Während die 4f-Orbitale gefüllt werden, schirmen die f-Elektronen die äußeren Elektronen schlecht ab. Die Kernladung steigt deutlich, der Radius bleibt aber nahezu konstant oder nimmt sogar leicht ab. Dieser Effekt heißt Lanthanoidenkontraktion.

Die Folge: Die Elemente der sechsten Periode (zum Beispiel Hafnium, Hf) sind nahezu gleich groß wie ihre leichteren Homologen der fünften Periode (zum Beispiel Zirkonium, Zr). Das ist ungewöhnlich, denn normalerweise nehmen Atomradien innerhalb einer Gruppe nach unten zu. Die Lanthanoidenkontraktion sorgt dafür, dass die schweren Übergangsmetalle der sechsten Periode ähnliche Ionenradien wie ihre Homologen in der fünften Periode haben, was ihre Trennung chemisch erschwert.

Bedeutung des Atomradius für chemische Eigenschaften

Der Atomradius beeinflusst eine Vielzahl chemischer Eigenschaften:

Ionisierungsenergie: Größere Atome haben eine geringere Ionisierungsenergie, weil ihre Valenzelektronen weiter vom Kern entfernt und schwächer gebunden sind.

Elektronenaffinität: Kleinere Atome nehmen Elektronen leichter auf, weil die aufgenommenen Elektronen näher am Kern sind und stärker angezogen werden.

Bindungslängen: Kürzere Atome bilden kürzere und oft stärkere Bindungen. Die C-C-Bindung (154 pm) ist kürzer und stärker als die Si-Si-Bindung (235 pm).

Gitterstabilitäten: Ionenverbindungen mit kleinen, hoch geladenen Ionen haben besonders stabile Gitterstrukturen und hohe Schmelzpunkte.

Fazit

Der Atomradius ist eine der saubersten periodischen Eigenschaften: er wächst in Gruppen nach unten und nimmt in Perioden nach rechts ab. Das Periodensystem macht diese Trends unmittelbar sichtbar und erlaubt Vorhersagen über das Verhalten von Elementen, die man noch nie gemessen hat. Wer Atomradien, Abschirmung und effektive Kernladung versteht, versteht einen großen Teil der periodischen Gesetzmäßigkeit, auf der die gesamte Chemie aufbaut.

Häufige Fragen

Warum nimmt der Atomradius innerhalb einer Periode von links nach rechts ab?

Mit steigender Ordnungszahl innerhalb einer Periode erhöht sich die Kernladungszahl, während die hinzukommenden Elektronen in dieselbe Schale eingebaut werden. Die Abschirmwirkung der Elektronen derselben Schale ist gering, sodass der Kern die Elektronen mit zunehmender Kernladung stärker anzieht. Die Elektronenhülle zieht sich zusammen, und der Atomradius nimmt ab.

Warum ist ein Kation kleiner als das entsprechende neutrale Atom?

Bei der Bildung eines Kations verliert das Atom ein oder mehrere Elektronen. Damit sinkt die Elektronenabstoßung, und die verbleibenden Elektronen werden stärker vom Kern angezogen. Außerdem kann die gesamte äußerste besetzte Elektronenschale entfallen, was den Radius erheblich verkleinert. Ein Na+-Ion ist deutlich kleiner als ein neutrales Na-Atom.

Was ist der Unterschied zwischen kovalentem Radius und Van-der-Waals-Radius?

Der kovalente Radius ist die Hälfte des Abstands zwischen zwei identischen Atomen in einer kovalenten Einfachbindung. Er beschreibt die Größe des Atoms in einer Bindung. Der Van-der-Waals-Radius beschreibt, wie nah ein nicht-gebundenes Atom einem anderen kommen kann, bevor eine Abstoßung einsetzt. Er ist größer als der kovalente Radius, weil keine bindende Wechselwirkung die Atome zusammenzieht.

Quellen

  • Atkins, P.; Overton, T. et al.: Shriver & Atkins' Inorganic Chemistry. Oxford University Press, Oxford 2014.
  • Greenwood, N. N.; Earnshaw, A.: Chemistry of the Elements. Butterworth-Heinemann, Oxford 1997.
Jan-Tristan Rudat

Über die Autorenschaft

Jan-Tristan Rudat

Redakteur interaktives-periodensystem.de

Themengebiet: Generationen, Kulturgeschichte, Sternzeichen, Pop-Phänomene rund ums Alter

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